Arto Lindsay: «Encyclopedia of Arto»
Da ich schon bei der E-Gitarrenspielerschaft sind – und anderweitig Worte dringender gebraucht werden als hier im Blog: Mein Text aus dem «Loop» zur wunderbaren Compilation «Encyclopedia of Arto», die den Pendler Arto Lindsay würdigt.
Die Synthie-Wellen strahlen kalt, ein akustisches Schlagzeug und eine minimale Gitarrenfigur ergänzen den Beat aus dem Computer, während eine dünne Stimme im Soundbild auftaucht, die die Worte schüchtern, doch sehr deutlich ausspricht. «Many Descriptions» lauten die ers- ten Textbausteine dieses sonderbaren, heiss-kalten elektro-akustischen Songs von To Rococo Rot, der als Vorbote zum Album «Instrument» der Formation rund um die Gebrüder Robert und Ronald Lippok erschienen ist. «Many Descriptions», viele Beschreibungen, das trifft auch auf das Werk der Person zu, deren Stimme in diesem Song prominent und unverkennbar zu vernehmen ist. Es ist die Stimme des Gitarristen und Produzenten Arto Lindsay, der das schwüle und das lauernde Element, das diesen Song auszeichnet, beisteuert.
Geboren 1953 in den USA, wuchs Arto Lindsay als Sohn von Missionaren in der Hafenstadt Recife im Nordosten Brasiliens auf. Als Teenager wurde Lindsay Zeuge der Tropicália-Bewegung und lernte hier, in den Tropen, wie zumindest musikalische Revolten angezettelt werden. Zurück in New York war es dann an Lindsay, eine solche zu inszenieren und kulturelle Verkrustungen zu durchbrechen. DNA hiess das Vehikel, die Band, mit der Lindsay Teil der No-Wave-Bewegung wurde – und die 1978 von Brian Eno auf dem Sampler «No New York» verewigt (und die in Brasilien mit der Compilation «Não São Paulo» rückgekoppelt wurde). Der Sound von DNA ist hyperaggressiv, nahe am Unhörbaren: die Stimme von Arto Lindsay sucht nach Worten und findet doch nur einzelne Silben, die er ausspuckt, seine Gitarre spielt er in immer wechselnden Stimmungen und überaus perkussiv, während Ikue Mori am Schlagzeug die Songs, die die zwei Minuten-Grenze kaum überschreiten, weiter nach vorne treibt. Zehn Minuten dauert die EP «A Taste of DNA», ihr einziger damals veröffentlichter Tonträger, doch die Band lebte auch nach der Auflösung 1982 fort – etwa dank des kruden Zeitdokuments «Downtown 81», in dem Jean-Michel Basquiat New York durchstreift und dort auch auf DNA trifft, die in ihrem Proberaum den Song «Blonde Redhead» spielen.
Nach der Mitgliedschaft in Bands wie den Lounge Lizards und The Golden Palominos brachte Arto Lindsay im Duo Ambitious Lovers, das er mit dem Keyboarder Peter Scherer betrieb, bewusst Samba und Soul zusammen. In diesen Aufnahmen ist denn auch die Stimme Lindsays zum ersten Mal zu hören, die nicht mehr schreit wie zu DNA-Zeiten, sondern schläfrig in Richtung Schlafzimmer verführt. Lindsay vertiefte daraufhin seine Auseinandersetzung mit brasilianischer Popmusik und produzierte Platten von Gal Costa und seinem Jugendhelden Caetano Veloso. Veloso beschreibt das erste Aufeinandertreffen mit Lindsay in seinem Buch «Tropical Truth: A Story of Music and Revolution in Brazil» so: «Am JFK-Flughafen traf ich auf einen Mann, der offensichtlich Amerikaner war und auf mich wartete. Ich versuchte, Englisch mit ihm zu sprechen, doch er antwortete mir in perfektem pernambukanischem Portugiesisch.» Seit diesem Treffen am Flughafen pflegen die beiden eine Freundschaft, die ihre Spuren beispielsweise auf Velosos Album «Estrangeiro» aus dem Jahr 1989 hinterlassen hat.
1996 erschien Arto Lindsays eigentliches Solodebüt «O Corpo Sutil». Mit dieser Veröffentlichung setzt auch die neue Doppel-CD «The Encyclopedia of Arto» ein. Die Compilation versammelt auf der ersten CD Lindsays Popforschungen der Neunziger- und Nullerjahre, die kühle Elektronik, den Samba und die Bossa Nova zusammenbringen und die an der Oberfläche glänzen. Was diese sublimen Aufnahmen aber auszeichnet, ist die stets mitschwingende Spannung, die Lindsay mit seinem eigentümlichen Spiel der zwölfsaitigen Gitarre aus dem Hause Danelectro und seiner Stimme inszeniert.
Auf der zweiten CD entfesselt sich Arto Lindsay vom Pop – und man hört zwölf Solo-Konzertaufnahmen, auf denen die Stimme und die Gitarren wie in seinem Frühwerk ausbrechen – beispielsweise in der Interpretation des klassischen Sambas «Maneiras». Das Pendeln zwischen den scheinbar getrennten Welten – hier der Pop, dort der Noise – steht für Lindsay, der seit einigen Jahren in Rio de Janeiro wohnt, an der Tagesordnung: «Gleichzeitig Avantgarde-Musik und brasilianische Popmusik zu spielen, stellt für mich keinen Bruch und keinen Richtungswechsel dar», sagte der 61-Jährige jüngst in einem Interview. Dass dies keine Koketterie des Musikers ist, beweist die «Encyclopedia of Arto», die durch eine geschickte Trackauswahl die Parallelen zwischen dem Pop-Arto und dem Noise-Arto betont – und auch Uneingeweihten den Zugang zu Arto Lindsays Werk erschliesst.
Arto Lindsay: «Encyclopedia of Arto» (Northern Spy Records)