Deerhunter: «Fading Frontier»

deerhunter Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Eine der wertvollen Bands dieser Jahre ist Deerhunter. Mit «Fading Frontier» erscheint bald eine Platte, die hell und beinahe zu versöhnlich klingt, ehe alles anders wird.

Vor zwei Jahren wars, als Deerhunter in speckig-glänzenden Lederjacken eine widerspenstige Rockspielart erfanden, die die Band um Bradford Cox und Lockett Pundt mit «Nocturnal Garage» umschrieben hat. «Monomania» hiess die Platte, auf der die Traumgitarrenband der Gegenwart laut und töfflibubenhaft dem irdischen Dasein zu entfliehen versuchte – natürlich ohne Happy End. Denn die Maske der Draufgänger, sie war spätestens beim bitteren Fazit «For a month I was punk / I rembered all my drunk» gefallen. «Monomania» war eine geschickt gebaute Platte, die durch ihre Flüchtigkeit und Flegelhaftigkeit zunächst arg frustierte, doch am Schluss durch diese traurige Ernüchterung und schimmernden Melodien zu Tränen rührte – und noch immer ein unberechenbarer Trip durch eine wüste und schöne und trostlose Nacht ist.

Nun, zwei Jahre später, ist zunächst alles heller, gar vorsichtig optimistisch: Die Gitarren schlaufen träumend, die Elektronik, die an Bradford Cox’ Soloprojekt Atlas Sound erinnert, fügt sich problemlos in den Bandsound ein – und mit Living My Life» ist Deerhunter gar eine Hymne gelungen, mit der sich in einer anderen Welt die Stadien füllen liesse. Und es scheint fast, als habe Cox, dieser Sänger mit dem versehrten Körper, endlich das Licht gefunden hat, nachdem er schon so lange sucht.

Doch «Fading Frontier» hat auch eine Rückseite, eine, auf der die Stimmung kippt. Das spukhafte und verpeilte «Leather and Wood» mit einem plötzlich zweifelnden Sänger steht am Anfang dieser Wendung, auf «Snakeskin» übt sich die Band in einem seltsamen Funk, während Cox seine Verletzungen weiter ausbreitet in Sätzen wie « I was born already nailed to the cross/ I was born with a feeling I was lost».

Später peilt das Radio einen Sender an, der gerade das Traditional «I Wish I Was a Mole in the Ground» spielt – ein Song, der dann auch grad das fantastische Ende dieser Platte vorwegnimmt. Denn der Molch im Boden, der ist der Sänger, der zu Beginn dieses Albums einen schönen und hellen Ton angeschlagen hat. Die Mittel sind auf «Fading Frontier» zwar andere, doch wie bereits bei «Monomania» bleibt eines zurück: eine Ernüchterung, die zu Tränen rührt. «Carrion», Deerhunter.

Deerhunter: «Fading Frontier» (4AD/MV), erscheint am 15. Oktober.

Live: 14.11., L'Usine, Genf; 15.11., Rote Fabrik, Zürich

deerhunter fading frontier Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

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