Field Day
Das persönliche Grossfestival der Saison war der Field Day im Londoner Victoria Park. Ob sich die Reise gelohnt hat?
Die Blendung
Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. Aber bei einem solchen Line-Up mit so vielen glänzenden Namen ist die Anzahl der verpassten Acts – sei es aus Zeitclash-Gründen, aus persönlichen Launen oder logistischen Sachen (übervolle Zeltbühnen wegen Regen) – weit grösser als die dann tatsächlich erlebten Künstler. Aus den ausgelassenen Acts liesse sich also ein prima Festival zimmern, feat. Doug Hream Blunt, Anna Meredith, Roots Manuva, DIIV, Nao, Empress Of, Optimo, Moon Duo, Kelela, Goat oder Beach House. So ist das also, wenn ein für hiesige Verhältnisse grosses Festival fast nur lohnenswerte Acts programmiert.
Logistisches
Auch wer sich nicht für Musik interessieren sollte, ist am Field Day bestens aufgehoben. Weil es gab eine Vielzahl an lokalen Bier- und Foodständen, die die hiesigen so called Street Food Festivals alt aussehen lassen. Auch konnte man Sackhüpfen, Karussell fahren oder den Stadtpark geniessen, so man denn grüne Rasenflecken finden konnte. Weil natürlich regnete es, nicht allzu lange, aber doch ziemlich heftig. Leider aber entscheidender: Die Soundqualität auf den einzelnen Bühnen, die vor allem in Zelten untergebracht sind, müsste viel besser sein. So blieb denn bei vielen Konzerten der Wunsch: ach, die würde ich gerne an einem anderen Ort sehen.
Losing My Taste for the Nightlife
Tanzen kann man auch am Nachmittag. Aber DJ-Sets im Grosszelt und einem indifferenten Soundsystem sind dann doch schwierig bis unmöglich, auch dann, wenn DJ Koze spielt. Viel besser war es draussen, bei der kleinsten und doch besten Bühne des Festivals (die der B-Sides-Bühne gleicht). Dort war die Glückseligkeit – bei Danny L Harle (was für grossartige Songs «In My Dreams» oder «Broken Flowers» sind) und bei Dan Snaiths Daphni-Set. Und am Endless-Himmel über London war der zweitbeste Regenbogen der Saison zu sehen, wunderbar.
Let England Shake
Und dann lief sie ein: die Marching Band, bewehrt mit Trommeln und Saxofons. Mittendrin: PJ Harvey, die das Festival beschloss, an einem Sommerwochenende in England, an dem die Queen ihren 90. Geburtstag feierte, die Three Lions nur unentschieden spielten, die Fans für Ausschreitungen sorgten und das Brexit-Referendum über fast allem schwebte. Und so gewannen die Songs von ihrem neuen, weltreisenden Album «The Hope Six Demolition Project» und aber auch dem Vorgänger «Let England Shake» an schauriger Aktualität, weil nichts wirklich gut ist, ausser diese Musik, die Harvey und ihre Band (feat. u.a. John Parish und den Bad-Seeds- bzw. Gallon-Drunk-Veteranen Mick Harvey, John Edwards und James Johnston) grossartig performten. Der Himmel wetterleuchtete, Harvey sang «To Bring You My Love», bevor sich die Musiker beim neuen «River Anacostia» zum Trauerchor versammelten. Spätestens da war das eines der beeindruckendsten und intimsten Festivalkonzerte, dem ich beiwohnen durfte. (In dem Sinne: Fahren Sie nach Montreux!)
Was bleibt?
Neben PJ Harveys Auftritt das neue Set von Holly Herndon (hier geht es zum Glück weiter), die Kalauersongs des immer noch lieben Adam Green, der Rap von Loyle Carner, der hoffentlich auch bald den Weg über den Kanal findet, der Modern Soul von James Blake (schlicht einer der guten) und aber vor allem auch die Zeit abseits des Festivalgeländes in East London bzw. Hackney. Wer braucht da noch die City?