Abendscheins «Flarf Disco»
«Flarf Disco» mit den Popgedichten von Hartmut Abendschein ist da. Am 21. Mai wird der Band nun getauft. Aus diesem freudigen Anlass gibts hier einen Auszug aus dem «Intro», das ich für «Flarf Disco» verfasst habe.
Flarf-Poetry: Das bedeutet «Googles Werk und Autors Beitrag», wie einst die «FAZ» über die Suchmaschinenlyrik, die vorab in den USA ihre Anhängerschaft hat, titelte. Zwei mehr oder weniger disparate Begriffe werden bei dieser Text-Methode ergoogelt, und die Ergebnisse miteinander kombiniert und permutiert und adaptiert und mutiert, bis, ja, bis ein Gedichtet erdichtet ist.
Für den nun vorliegenden Band «Flarf Disco» arbeitet Hartmut Abendschein nun mit der Technik, nur dass der Autor nicht die mystischen Algorithmen der Suchmaschinen dieser Welt als Quelle für seinen Textkorpus aufgesucht hat. Vielmehr hat Abendschein in einer feinsäuberlichen und höchst gewissenhaften Archivierungsarbeit die Song- und Tracktitel von 120 CDs abgeschrieben und ins Deutsche übertragen. Es sind die CDs mit den Nummern 1 bis 120 aus dem Popkulturmagazin Spex. (...) Flarf-Poetry nach Hartmut Abendschein bedeutet also: Die Spex-Beilagen-CDs und des Autors Beitrag.
Seit dem Jahr 2000 versammelt die Kompiliererschaft pro Heft einschlägige musikalische Neuerscheinungen. Die erste Heft-CD überhaupt enthielt beispielsweise dieses Wortmaterial:
Sonnendeck
Happy Hip Hop
Expo 2000 (Mambo)
Blauer Schein
Nude Paper
Foolin
Tomorrow Will Be Like Today
It Could Be Nice
Konfliktfickfähig
Flipper
Hier draus lässt sich scheinbar schwerlich ein Gedicht schmieden – aber immerhin einen schillernden Satz wie «flipper fickt konflikt sonne deckt papier», der selbstverständlich auch der Logik des Flarfen entspricht und deshalb auch in diesem Band zu lesen ist. In einem mir nicht im Detail bekannten, mehrstufigen Verfahren übertrug und zerschnitt, kombinierte und permutierte Abendschein jeweils die Titel zweier Heft-CDs miteinander.
Entstanden sind Gedichte, die auch ohne Nerdenwissen schön funktionieren, zu denen man aber ganz wunderbar abnerden kann. «Hast Du gelernt von rocky eins bis drei»? Klar: Cornershops unsterblicher Song «Lessons Learned from Rocky I to Rocky III». «Diese jungs vom kaufzoo»? Natürlich die Pet Shop Boys. Die Zeile «entspann dich es ist nur ein geist»? Stammt aus Dirk von Lowtzows Projekt Phantom Ghost. So hangelt sich der Leser und die Leserin durch diese 60 Gedichte, die mit Punchlines und Zeilen der Trauer und der Ekstase und der Einkehr und des Nonsense und des kontrollierten Begehrens hantieren, man trifft auf einen Herrn Magnesium, auf Yoshimi, die die pinkfarbenen Roboter bekämpft und auf den Bruder des Bürgermeisters unten am Brückenwasser (googeln Sie den Titel!). Zuweilen verführt Abendschein auch an den Ort, wo Löwenwein ist. «Donde Lion Wine»? Ja, genau. Und aber auch die Klarstellung: «ein punksong ist nicht wer wir sind», sondern Popgedichte, die am 21. Mai im Café Kairo getauft werden.
Hartmut Abendschein: «Flarf Disco» (Edition Taberna Kritika)
Buchtaufe mit Sounds von mir: 21. Mai, Café Kairo
PS: Noch nicht aufgelöst ist das Rätsel aus dem Adventskalender. Deshalb: Wer am meisten der im hier publizierten Gedicht verarbeiteten Liedtitel errät (und diese in der Kommentarspalte einträgt), dem schicke ich gerne ein Exemplar zu – oder noch lieber: überreiche ich gerne eines an der Buchtaufe im Kairo. Viel Spass!
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