Gute Vibrationen
Die holländisch-türkische Band Altin Gün erinnert an die Ära, als die Rockmusik am Bosporus psychedelisch wurde. Sie machen klar: Es geht um den Vibe, nicht um Politik.
Diese Musik bringt die Körper zum Schwingen. Und sie kann bewusstseinserweiternd wirken, was nichts mit dem süssen Haschrauch zu tun hat, der vor der Bühne der Musikfestwochen Winterthur in die Nase steigt. Sondern nur mit diesem Saitensound, den Erdinc Ecevit Yildiz mit seiner elektrischen Saz erzeugt, und der so weit durch das Klangbild reist, bis er die Leadstimme übernimmt. Und immer weiter schwingt. Die Sounds des langhalsigen Lauteninstrument – das so prägend ist für die Volksmusiken von Afghanistan bis zu den Balkanländern – treffen sich nun mit jenen musikalischen Elementen, die hierzulande längst nichts mehr Exotisches an sich haben: den Wah-Wah-Gitarren, den Synthie-Figuren, dem dichten und doch so federnden Groove einer fantastischen Rhythmusgruppe. Es hört sich dann an, als spielten Altin Gün die selbstverständlichste Musik der Welt und nicht wie eine doch nicht ganz alltägliche Kombination aus anatolischen Folkelementen und westlichen Funk- und Rockspielarten. Erklärungen und ausführliche Ansagen, woher diese Musik denn kommt? Würden den Grundpuls dieses Auftritts nur stören und auf eine Exotik fokussieren, die Altin Güns Musik auf ihrem Debütalbum «On» und an ihren Konzerten nicht ausstrahlt.
Aber Fragen nach der allfälligen politischen Dimension einer holländisch-türkischen Band, die in ihrer Biografie und ihrer Musik so viele Grenzen überschreitet, das darf man natürlich immer. Zumal im Sommer 2018, in dem so vieles ins Rutschen gekommen ist. Jasper Verhulst, Bassist und Gründer von Altin Gün, und der Saz-Spieler und Sänger und Keyboarder Yildiz antworten dann im kurzen Gespräch vor ihrem Winterthurer Konzert beide deutlich verneinend. Denn es geht ihnen nicht um Protest und Politik oder gar Erdogan, sondern ums Vereinende, um die «celebration», wie Verhulst sagt. Wirklich keine Politik? Nein, wirklich nicht, «es geht uns bloss um die positiven Vibes».
Viel lieber erzählt Verhulst, wo er die Urquelle der Altin-Gün-Musik gefunden hat, die auch zum Sound dieses nun zu Ende gehenden Schweizer Festivalsommers – sei es in Thun, am Paléo in Nyon, in Basel und eben Winterthur – wurde: im Plattenladen. Vor etwa zehn Jahren entdeckte Verhulst, der auch Teil der Band des holländischen Psychedelikers Jacco Gardner ist, eine Nachpressung eines Albums der Sängerin Selda Bagcan. Wie ihre Begleitband in den 70ern verrückte Soundeffekte und traditionelle türkische Musik kombinierte, das liess ihn wie so viele andere Plattensammler nicht mehr los. «In den Ohren von uns Nicht-Türken wirkt die türkische Musik ja schon immer leicht psychedelisch – mit den veränderten Tonleitern, mit den Melodien.» Verhulst beschloss, diese Musik selber zu spielen. Via Facebook suchte er nach türkischen Musikern, und er fand dann neben der Sängerin Merve Dasdemir auch den Saz-Spieler Yildiz. Es funktionierte vom ersten Tag an, auch wenn Verhulst kein Türkisch spricht und viele der Texte auch nicht versteht. War das nie ein Problem, Stichwort kulturelle Aneignung? «Wenn du die Musik spürst, dann darfst du sie spielen. Wir spielen sie ja nicht auf eine strikte traditionelle Art, und tun auch nicht so.»
Altin Gün – übersetzt «goldener Tag» – knüpfen in ihrer Musik an jenes Kapitel der türkischen Popgeschichte an, als der Rock’n’Roll auch am Bosporus psychedelische Färbungen angenommen hat. Es ging in der Musik von Selda Bagcan, aber auch von Erkin Koray – dem türkischen Elvis – oder Baris Manco stets auch um ein Tauziehen zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne, wie Daniel Spicer in seinem jüngst erschienenen Buch «The Turkish Psychedelic Music Explosion» schreibt, das gerade recht kommt in einer Zeit, in der diese fremd-vertraute Musik auch abseits der Plattensammlerkreisen neu entdeckt wird. Damals sangen die Musiker mit ihren mächtigen Schnurrbärten alte Texte von klassischen anatolischen Folkmusikern, schlossen sie kurz mit dem Rock, der aus den US-Militärradios hallten. Drogen? Spielten nicht eine unwesentliche Rolle, doch darüber singen kam nicht in Frage, da Konsum wie Besitz streng sanktioniert wurde.
Die vier Musiker und zwei Musikerinnen von Altin Gün gehen nun ähnlich vor wie die Pioniere dieser türkischen Psychedelik: Sie holen einige Texte des Folkmusikers Neset Ertas, der seine Erzählungen mit der Saz begleitete, in die Gegenwart, benutzen diese wie einen offenen Quellcode.
Diese alten Zeilen singen sie über eine zeitlose Musik, die mal härter groovt, mal stärker nach Krautrock oder anderen psychedelischen Popspielarten klingt. Was denn die Texte von Ertas ausmachen? Yildiz sagt, dass sie voller «Poesie» seien, dass sie so mehrdeutig und schlicht wunderbar geschrieben sind. Es gebe da etwa das Stück «Sad Olup Gülmedin», in dem Ertas darüber singe, wie einer kein Glück auf Erden mehr finden werde. Das Stück ist der Moment, in dem auf der Platte, die im Frühling beim Genfer Label Bongo Joe erschienen ist, wie am Konzert der Tanz abbricht und der Hallraum der Saz weiter und weiter wird. Und man weiss: diese weitgereiste Musik, die nun auch an ekstatische Sitarmusik erinnert, sie wird noch weiter reisen.
Altin Gün: «On» (Bongo Joe)
Dieser Text erschien in gekürzter und redigierter Form im «Tages-Anzeiger».
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