Jeans For Jesus: «Jeans For Jesus»

j4j1 Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

Es war Sommer – und die Sonne schien hell und grell. So hell und froh wie das Lied «Estavayeah» der damals mysteriösen Band Jeans For Jesus. Doch natürlich war da, wie bei fast jedem guten Popsong, mehr unter der Oberfläche zu entdecken. Denn da war ein schattiges Erzähler-Gemüt zu vernehmen, das ganz am Schluss feststellt: «Oh Baby, i bi müed». Geschenkt, dass hier die Party-Vuvuzela ein schlappes Geleit anstimmte. Es wurde Herbst – und die Single «Nie Meh» akzentuierte das leicht depressive, verletzliche und sensible Element der vier Berner, die nach diesen Vorboten Ende Januar endlich ihr Debüt veröffentlichten.

Jeans For Jesus haben ein Album erschaffen, das vieles in der Welt
des Mundartpop neu zusammensetzt, neu aufmischt – vor allem textlich, aber auch musikalisch. Da sind die von The XX-geliehenen Gitarren eingespiesen, da gibts süsse Kopfstimmenchörli wie bei MGMT – und viele Sounds flottieren seltsam ungreifbar durch den Raum, eisig elektronisch oder tropisch perlend, poppig glänzend oder melancholisch schimmernd.

Ungreifbar ist auch die Rolle, die das verwinkelte Sänger-Ich von Michael Egger einnimmt. Am besten steht ihm die Rolle des Scheuen, des lustigen Haderers, des Liebesuchenden, der in Glanzliedern wie «Isleworth Mona Lisa» (mit dem unwahrscheinlichen Sing-a-long-Wort «Rorschachtest») und der Bern-Flucht-Hymne «L.A.» die Lauben durchmisst: «Doch dr gröscht Zwyfler bi'n ig», heisst es dort, ein zweifelndes Weichei im besten Sinne, der sich in «Hollywood Was Talking About Love Before Anyone Else Did» den Moment herbeiwünscht, in dem ihm nichts peinlich ist. Man eignet sich auch fliegend Züri Wests «Toucher»an (und stiehlt lässig alle Rock-Gitarren), übt sich in Slogans und einem lässlichen Titelstück, während das einzige ganz bestimmte auf diesem Album das immer wieder aufklickende und stimmungshochhaltende «Yeah»-Sample ist, als Echo aus dem rauschhaften Club, das im ernüchterten Tag weiterdröhnt.

Bestimmt auch: Jeans For Jesus tragen die Schwäche, das Versagen rein in den nun endlich aktualisierten Gegenwartsmundartpop – ohne Übercoolness, doch ohne Bescheidenheit. So ist dieses Debüt keine Sternstunde der Bedeutungslosigkeit, sondern eine der stetig rotierenden Platten der Saison.

Jeans For Jesus: «Jeans For Jesus» (Irascible). Dieser Text ist ursprünglich für das «Bund»-Kulturblog KulturStattBern entstanden.

j4j digicover 1440x1440 RGB WEB Benedikt Sartorius. Journalist und Popkulturist.

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