ATP: Kein Morgen mehr
Die ATP Festivals waren lange Zeit die bestmöglichen und sympathischsten Musikveranstaltungen. Nun sind sie ruiniert.
Es regnete in Strömen an diesem 11. September 2009, als wir den Schulbus in Greenpoint, Brooklyn, bestiegen. Die Reise ging ins Hinterland von New York, in die Catskill Mountains. Mythisches Hinterland also, weil Woodstock liegt hier, aber auch vergessenes Hinterland. Denn die Holiday Resorts, die vor allem bei der jüdischen Bevölkerung sehr beliebt waren, hatten ihre besten, frequentierten Tage hinter sich und glichen Ruinen, die eine Stimmung wie das Berghotel in «The Shining» verbreiteten. Genau in einem solchen Resort fand der US-Ableger der All Tomorrow’s Parties Festivals statt, einem Festival, welches das mittlerweile bedeutungslose Wort «kuratieren» in den popkulturellen Kosmos überführte, indem es das programmieren der Line-Ups jeweils der Musikerschaft gleich selber überlassen hat. Die Örtlichkeit war für den Charme der Festivals ähnlich entscheidend: Statt auf einer anonymen Wiese fanden die britischen ATPs in riesigen Holiday Camps statt, die vorzugsweise an der Küste liegen, und die bei englischen Familien noch immer als einigermassen beliebte All-Inclusive-Urlaubsoptionen gelten.
So war das Kutsher’s Resort in den Catskills ein perfekter Standort und das Programm ohnehin perfekt: Sufjan Stevens lud zur «Seven Swans»-Mittagsmesse in den Stardust Ballroom, Nick Cave, der damals irgendeinen seiner Romane in der Stadt beworben hat, gesellte sich zu seinen Kumpels der Dirty Three dazu (und drehte später seine Runden im Hallenbad), Steve Albini spielte Poker und Wayne Coyne traf man in allen verwinkelten und heruntergekommenen Winkeln des Hotelareals an, auf dem sich auch ein Skilift befindet. Und als das reguläre Programm zu Ende war, sang Deerhunter Bradford Cox Neil Young-Songs in der Hotellobby unter dem Kronleuchter. Kurz, dieser Ort erschien nicht nur, als die Flaming Lips den «Wizard of Oz»-Klassiker gaben, als Ort «somewhere over the rainbow». Und so sind die drei Tage im Kutsher’s noch immer mit die schönsten Tage meines Lebens.
Diese paradiesischen Tage liegen nun schon eine Zeitlang zurück und die Prinzipien des rührigen Veranstalters Barry Hogan, Festivals ohne «bullshit egos, shit bands, Ticketmaster» und Sponsoren durchzuführen, mittlerweile eine Farce. Denn dass etwas faul war im Staate ATP wurde 2010 zum ersten Mal offenbar, als das reguläre Festival – kuratiert von Simpsons-Erfinder Matt Groening – trotz einem grossartigen und sehr kostspieligen Line-up nicht genügend Publikum anziehen konnte. «Wie war das überhaupt finanzierbar?», fragte ich mich, angesichts eines Programms mit Iggy & The Stooges, Spiritualized mitsamt einem kompletten Orchester, den Boredoms mit ihren Schlagzeugern und anderen nicht gerade billigen Acts wie She & Him oder Joanna Newsom. Die Antwort: gar nicht (wie auch der so wundersame Ableger in den Catskills nicht, dessen Minus 2009 im sechsstelligen Bereich betragen hat.)
2012 war die Firma pleite, doch die Show ging kurz darauf weiter, mit einer neuen Firma. 2013 verkündete Hogan das Ende der klassischen ATP-Festivals, um die Mittel auf andere Anlässe zu verschieben. Anlässe wie das gross konzipierte Jabberwocky mit Acts wie Neutral Milk Hotel, Panda Bear oder James Blake, das nur drei Tage vor Beginn abgesagt wurde. Noch immer warten einige Fans auf die Rückerstattung der Tickets.
Der Ruf war spätestens zu diesem Zeitpunkt dahin, doch Hogan machte weiter, irgendwie, versuchte es nochmals mit der Wiederbelebung der klassischen ATP-Festivals. Zwei hätten in diesem Frühling stattfinden sollen, nur eines wurde dann tatsächlich durchgeführt. Musiker wie John Cale spielten gar nicht erst, denn Hogan konnte die Gagen nicht bezahlen. «We did our best to believe in the organisers», schrieb er. «Doch am Schluss haben sie uns alle im Stich gelassen». Die Band Drive Like Jehu, die das abgesagte Festival kuratierte, postete ein Bild einer WC-Papierrolle, versehen mit den einst magischen Buchstaben ATP.
Heute Donnerstag schliesslich gab ATP auf – «ATP – R.I.P.» heisst der Facebook-Eintrag, in dem auch gleich die Annulierung des geplanten Ablegers in Island bekanntgegeben wurde.
In Trümmern liegen nicht nur die ATP Festivals, sondern auch das Holiday Resort in Monticello. Das Kutsher’s, das letzte der verbliebenen Hotels aus goldenen Tourismustagen, wurde 2014 dem Erdboden gleichgemacht. An ein Morgen ist nicht nur hier nicht zu denken.
Mehr ATP-Lesestoff: Why We're All To Blame For ATP's Latest Collapse
Dieser hier aktualisierte Artikel ist aus dem aktuellen Loop. Abonnieren Sie die Musikzeitung hier und jetzt.