Kush K: «Your Humming»
Was für ein Tag ist heute? Und was ist mit uns passiert? Eigentlich egal – auch wegen dem neuen Album «Your Humming» von Kush K.
Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, oder noch gar nie, auch wenn das eigentlich anders geplant war, als Kush K im späten und eingeschlossenen Frühling 2020 ihr Debüt «Lotophagi» mit dem Schlüsselsong «Long Time No See» veröffentlicht haben. Schlüsselsong? Ja, hört doch noch mal hin, wie hier vieles zerfliesst und sich aus- und zerdehnt – die Minuten, die Stunden, die Monate, die knapp eineinhalb Jahre, die seither irgendwie verbraucht wurden.
Und dann sind die achteinhalb Minuten wieder einmal um, ich stimme ins Abschiedschörli ein und klicke gleich rein in das kurzfristig angekündigte Nachfolgealbum «Your Humming», das am Freitag erscheint, und die Fäden wieder aufnimmt und weiterspinnt. Dann, wenn Catia Lanfranchi im ersten Song in den einst familiären Gesichtern Geister ausmacht. Weil ja: Was ist denn mit Dir, mit uns passiert? Und warum schreibst Du in diesem Text als Ich? Frag was anderes.
(Antwortversuche vielleicht so: weil ich das «man» nicht mehr schreiben will. Vielleicht auch, weil das Musikhören bei mir immer noch atomisierter und ungeteilter ist als einst, trotz exzessivem Radiokonsum, trotz Popletterschreiben und Mixtape aufnehmen. Schliesslich vielleicht auch: Ich habe deutschsprachige Texte über Musik auch schon lieber gelesen als heute, weil vieles so furchtbar eingeschliffen ist, aber da werde ich bald weiterprobieren).
Aber was passiert nun mit und in den sieben Popsongs, die Kush K auf «Your Humming» so selbstverständlich spielen, singen, summen, drehen? Sie leben eher draussen als in Innenräumen, nicht nur wegen dem Zwitschern der Vögel zu Beginn der Single «Magpie», nicht nur wegen der halluzinogenen Sonne, die vieles verstrahlt – die Gesichter, die Körper, die Gitarren, die Stimmen – und süss psychedelisch verblendet.
Ja, «Your Humming» kann natürlich auf Feldern und Blumenwiesen und in Wäldern gehört werden, so, wie das auch bei den klassischen und ähnlich weitoffenen und traumhaften Grizzly-Bear-Platten möglich war. Es klingt ja zunächst auch naturnah – und die Bandbilder sehen auch sehr grün aus.
Aber Musik für weltvergessene und revisionistische Hippie-Waldschraten spielen Kush K natürlich nicht. Es genügt ein Erstkontakt-Kopfhörerspaziergang durch Zürich, der Heimatstadt der Band. «Your Humming» schärft mitten am flauen Nachmittag unmerklich die Sinne, verlockt zu neuen Umwegen durch Seitenstrassen, weil hier nichts zum Zentrum oder zum Ziel drängelt, aber doch nicht im Ungefähren taumelt, und weil ich immer weiterhören will, alles immer wieder hören will: die müde Euphorie in «Euphoria», die verwischten Schärfen in «Soften», die Nachtseligkeit im Titelsong.
Und dann gehts doch noch in die Zimmer. Was dort geschieht? Anstossen mit einem schwindligmachenden Zitronendrink? Sich umarmen? Mitsummen? Wer weiss das schon, nach so langer Zeit der Nichtbegegnungen. Bis in diesem Raum.
Kush Ks «Your Humming» erscheint am 3. September via BlauBlau Records.
Foto: Noémi Ottilia Szabo