Greenwoods Plainview
Neue Klassiker: Jonny Greenwood und das London Contemporary Orchestra beschlossen das Antigel-Festival in Genf im Konzertsaal.
Daniel Plainview – der Ölmagnat aus Paul Thomas Andersons «There Will Be Blood» – wäre heutzutage Händler wohl an der Genfer Rohstoffbörse, immer auf der Suche nach zukünftigen Märkten, nach noch mehr Profit und Quellen, die man ausbeuten kann. Vielleicht waren einige der heutigen Daniel Plainviews am Mittwoch auch in der Victoria Hall, als das London Contemporary Orchestra das unerbittliche Raubritter-Stück «Future Markets» spielte, das Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood für «There Will Be Blood» geschrieben hat. Es ist ein kammermusikalisches Stück, das seine Boshaftigkeit selbst in der leider zu grossen Halle (bzw. an meinem entfernten Platz) nicht verloren hat, ein Stück, das auch zeigt, dass Greenwoods popferne Musik in den vergangenen Jahren aufregender war als sein Wirken bei Radiohead.
Neben Greenwoods bekannten Scores und teilweise noch sehr neuem Material («88» für Piano) interpretierten die MusikerInnen Werke der alten Avantgarde (Schnittke, Messiaen) und gegenwärtigen KomponistInnen wie wunderbarerweise Mica Levi («Love» aus «Under the Skin») und dem mir bis anhin unbekannten Edmund Finnis. Jonny Greenwood spielte bei einigen Stücken das geisterhafte Ondes Martenot und agierte als Gitarrensolist bei Steve Reichs reichlich angejahrt wirkendem «Electronic Counterpoint» – eine Interpretation, bei dem die technische Fingerfertigkeit das Musikalische leider überblendete.
Aus zugtechnischen Gründen war, als das Ensemble «Prospectors Arrive» (wiederum aus «There Will Be Blood») anstimmte, leider Schluss. Ich gab mir diese unheimliche und traurige Elegie im Kopfhörer, während das Tram Genfer Bankbauten und Luxushotels passierte. Bauten, die eine ähnliche Kälte ausstrahlen wie Daniel Plainview.
Mehr Jonny Greenwood gibts bis auf Weiteres im Kino im unbedingt sehenswerten «Inherent Vice». Das Bild stammt leider nicht aus Genf, sondern von der Seite des London Contemporary Orchestra.
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